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Tour Divide Teil 1

Vor 1.5 Jahren bekam ich einen Brief in dem mir mitgeteilt wurde dass ich durch meine Tortourteilnahme automatisch für das Race Across Amerika qualifiziert sei. Da diese Teilnahme aber eine Investition von zirka 100000.- SFR bedeutet dachte ich nicht mal im Traum daran dort teilzunehmen. 1 Woche später brachte SRF einen kleinen Bericht über die Tour Divide im Sportpanorama, nach dem Bericht war mir gleich klar "das muss ich fahren" !! Kein Startgeld, Abenteuer, Ausdauersport mit MTB genannt Bikepacking das passt zu mir. Mit Samuel einem Bikemechaniker aus Villmergen fand ich eine super Informationsquelle der die Tour Divide selber schon 2x gefahren ist. Ich beschäftigte mich ausführlich mit Material, Kleidung, dem Sport allgemein und kam zum Schluss dass ich unbedingt ein Vorbereitungsrennen fahren muss um alles zu testen und Erkenntnisse zu sammeln. So fuhr ich im Juni 2016 das Navad, die Schweizer Ausgabe der Tour Divide das vom Bodensee bis an den Genfersee über 1000 km führt.

Woche vor dem Start in Kanada: Ich flog eine Woche vor dem Start nach Kanada um mich gut zu aklimatisieren und ausgeruht ins Rennen zu gehen. Mit drei Trainingslager in den Beinen, einen Monat im Höhenzelt geschlafen, und viel Material und Streckenvorbereitungen fühlte ich mich bereit für die Challenge. Tour Divide bedeutet das man immer in der Nähe der Wasserscheide von den Rocky Mountains entlangfährt und sich immer zwischen 1000 bis 3700 Höhe befindet. Die Herausforderungen wie Schnee, Regen, Kälte, Hitze, Einsamkeit, wilde Tiere, Materialprobleme usw. sind zahlreich und nach der Statistik treffen jeweils nur 40%  der Startenden im Ziel ein. Die Regeln sind sehr einfach: Niemand darf dir helfen, Du musst alles selber organisieren (Essen, Übernachtung), man muss immer dem GPX-Strich nachfahren, wer am wenigsten schläft und am schnellsten radelt ist als erster im Ziel.

Tag 1: Mit 180 anderen Verrückten wurden wir um 08.00 morgens auf die Strecke geschickt. Da der Trail sehr feucht war und es regnete legte ich einen schnellen Start vor und befand mich den ganzen Tag zwischen Position 10-30. Gut in Erinnerung bleibt mir eine zirka 4km lange Schlammstrasse, ich musste das Rad  5x mit blossen Händen vom Schlamm befreien um überhaupt fahren zu können. Am Nachmittag bogen wir in eine Schlucht ein, gefühlt habe ich mein Rad 3 Stunden hochgeschoben teilweise in einem Bach mit Steigungen bis 30%. Rein körperlich war das für mich die härteste Stelle der Tour, aber ich wusste das ich am ersten Tag leiden muss um in Form zu kommen. Ich befand mich um 22.30 in einer 6er Gruppe als wir beschlossen schlafen zu gehen, da sich die Sterne zeigten beschloss ich als einziger ohne Zelt zu schlafen um keine Zeit zu vergeuden.

Tag 2: Um 04.00 fuhr ich als erster los, Ziel war Fernie eine Stadt wo ich mich auf ein leckeres amerikanisches Frühstück freute. Im Restaurant trafen sich viele Racer und zu meinem erstaunen war ich anscheinend der einzige der gut und traumlos schlafen konnte. Speziell war heute das wir durch das dichtbesiedeltse Bärengebiet der Welt radelten, und einen wunderschönen singletrail über Pfützen und Bächen genossen. Am Schluss durften wir noch "The Wall" bezwingen, ein Pfad wo wir das Bike eine halbe Stunde lang hochgeschoben haben um danach über den Schneebedeckten Cabinpass im Schneeregen Richtung Grenze zu biken. Am amerikanischen Zoll dauerte es bei mir ein bisschen länger da sie meine Fingerprints nehmen mussten, so war mir ich nach 30 Minuten kalt vom rumstehen, zum Glück waren es nur noch 18 km auf Asphalt bis Eureka wo ich um 23.00 ein Motel fand in dem ich übernachtete.

Tag 3: Heute spulte ich die sogenannte Whitefishrunde ab, zwei Schneebedeckte Pässe waren zu überwinden einer mit einer langen Laufpassage von zirka 2 Stunden. Sogar einige Sonnenstrahlen liessen sich blicken, ich fuhr zusammen mit Arthur aus San Francisco und einem anderen Amerikaner. Ich und Arthur wechselten unsere Positionen sicher 30x, ein letztes mal sah ich Ihn in Colorado, leider gab er das Rennen irgendwann auf. Höhepunkt war das wir 50 m vor uns einen Puma überraschten der leider schnell in den Büschen verschwand. Eigentlich wollten wir bis 23.00 fahren aber um 22.00 bemerkte ich das mein Vorderreifen Luft verlor, während die anderen sich schon im Schlafsack räkelten versuchte ich meinen Schlauchlosreifen zu retten was auch gelang, dafür musste ich die nächsten 2 Tage alle 4 Stunden nachpumpen.

Tag 4: Da ich bergauf schneller als die anderen zwei war, fuhr ich voraus und und erwischte eine falsche Strasse was ich nach zirka 3 Kilometer bemerkte. So fuhr ich die ersten Stunden alleine, irgendwann bekam ich richtig Hunger das erste mal !! Bisher war ich so am Limit das sich der Hunger in Grenzen hielt. Auf meinem Kärtchen stand "Restaurant am Holland Lake 2km offroute", ich entschied mich für den Umweg um ein gutes Essen zu geniessen ,lass ich halt die anderen davonfahren, aber siehe da als ich ankomme sitzen beide auch dort. 20 Minuten später kam auch noch Ty aus Australien den ich schon kannte, er ist mit dem singlespeed-Velo (Nur ein Gang) unterwegs und ein absoluter Velofreak. Ich bemerkte das ich leider einen Überhandschuh verloren hatte was ich sicher mit kalten Händen in Zukunft büssen werde und fluche auf mich selber. Nach dem Holland Lake ging es einen weiteren Pass hoch,  ich fuhr auf die beiden Mädels aus England Ricky Cotter und Lee Craigie auf, die richtig stark fahren (Lee fuhr auch Rennen im Damen Weltcup) ich fragte Lee ob sie zufällig einen Überhandschuh auf der Strecke gesehen hat, sie streckte mir die Hand entgegen "meinst du diesen" ich bedankte mich überschwänglich und versprach den beiden ein Nachtessen leider ergab sich nie die Gelegenheit mich zu revanchieren. Nach dem Essen fühlte ich mich so richtig stark, meine Beine waren jetzt da, ich überholte die Mädels und Arthur und noch zwei andere bis ich ein Geräusch von hinten hörte, Ty mit seinem singlespeed-Velo rauschte in doppelt so hohen Tempo an mir vorbei und ich kriege den Mund vor staunen nicht mehr zu !! Um sein Velo in Schwung zu halten fährt er alles im stehen den Berg hoch und ist dementsprechend schneller, auf der geraden fährt er dann gemütlich um sich zu erholen und gibt im nächsten Anstieg wieder Gas und das macht er 4400km mit Gepäck !!
Am späten Nachmittag trafen wir in Ovando ein wo wir uns verpflegten, auch Arthur kam ein wenig später und zu dritt machten wir uns auf  um den letzten Pass für heute zu überwinden. Für einmal war ich der stärkste und traf als erster in Lincoln ein, leider wurde ich 5 Km vorher von einem Gewitter überrascht und war total nass da ich die Regenkleider zu spät angezogen hatte. so fiel mir die Entscheidung leicht ein Motelzimmer zu nehmen um meine Sachen zu trocknen, Arthur sah mein Rad und so teilten wir uns das Zimmer.

Tag 5: Auf diesen Tag bin ich stolz weil ich mental immer positiv geblieben bin, aber der Reihe nach. Nachdem es die ganze Nacht regnete wollte ich 5 Minuten nach Arthurs wegfahrt losfahren, kaum die Moteltür geschlossen bemerkte ich das mein Vorderreifen platt ist. Im Halbdunkeln und im Regen versuchte ich einen Schlauch zu montieren, leider brach mein Schlüssel und ich kriegte den Schlauch fast nicht über die Felgen da von der Dichtmilch alles sehr schmierig war. Geschlagene 1.5 Std später fuhr ich im Regen los, alles war matschig und schwer, nach 5 Stunden beschloss ich was zu essen und bemerkte das mein Sattel verdreht war, die Sattelstützenklemme ist zerbrochen und ich sass regelrecht auf den Gepäcktaschen, nun musste ich auch noch auf grosse Toilette aber mit meinen kalten Fingern kriegte ich den Regenschutz nicht auf. Irgendwann musste ich ob der absurden Situation Lachen und entspannte mich, dann ging es auch. Aber ich spürte eine grosse Energie in mir "so leicht lasse ich mich nicht unterkriegen" und sagte mir wenn Ty alles im stehen fährt kann ich das auch und legte die 70 km bis Helena (Mechaniker) im Wiegetritt zurück. 10 km vor Helena begann dann noch meine Schaltung zu streiken weil das Kabel nicht mehr hin und her flutschte. In Helena mache ich mich verzweifelt auf die Suche nach einem Mechaniker, ich fragte sicher 10 Personen aber niemand konnte mir weiterhelfen, ein älterer Herr erzählte mir das in Downtown einer war aber nicht mehr existiert. Gedanklich machte ich mich schon bereit weitere 300 km im Wiegetritt zu fahren und radelte aus Helena raus, beim letzten Haus in Helena bemerkte ich eine Bäckerei und beschloss mich  mit Kuchen und Kaffee zu trösten, drinnen sprachen mich 2 Amerikanerinnen an ob ich das Divide fahre, ich erklärte meine Situation, die beiden verdrehten die Augen und riefen aber wir haben doch eine Super Velowerkstatt!! und erklärten mir den Weg. Und die war wirklich super gleich 2 Mechaniker kümmerten sich um mein Velo, ich ging nochmal was Essen und eine Stunde später war ich schon wieder unterwegs. Wenn man das Tour Divide Race fährt ist man ein halber Hero und die Anerkennung ist unglaublich, obwohl ich einen halben Tag verloren hatte, bin ich anscheinend auf dem 9ten Platz was ich kaum glauben konnte. So fuhr ich motiviert weiter im Regen und erreichte Abends um 23.00 Basin. Im Saloon bekam ich noch einen Tee und schlug danach meinen Schlafsack unter 2 Tischen in einem Park auf wo es trocken geblieben ist, bei zirka 0 Grad Celsius.

Tag 6: Endlich hat der Regen aufgehört und ich fuhr um 04.30 bei tiefem Boden los. Vor mir sah ich zwei kleine rote Lichter und schon bald hatte ich Lee und Ricky aus England eingeholt, wir quatschten ein paar Minuten aber die beiden machten einen ziemlich kaputten Eindruck. Ich hingegen fühlte mich erstaunlicherweise gut und fuhr alleine voraus, 20 km später sah ich von ganz weitem einen Braunbären aber er war schon weg bis ich dort war. Das nächste Ziel war Butte eine grössere Stadt wo ich mich auf ein reichhaltiges Mittagessen freute. Als ich mich am Nachmittag richtung Polaris aufmachte fühlte ich mich richtig stark und bei Rückenwind flog ich förmlich den Pass hinauf. 10 Km vor Polaris kam ich um 21.00 bei der Montana High Country Lodge vorbei, Samuel der Mechaniker aus Villmergen bat mich die Besitzer zu Grüssen falls ich Zeit dazu habe. Es erwartete mich ein sehr feines Abendessen und ich übernachtete gleich dort obwohl das nicht eingeplant war.

Tag 7: Diesen morgen richtung Lima hatte ich meine erste Krise, ich spürte zum ersten mal den Schlafmangel und ein paar mal realisiere ich dass ich aufgehört habe zu treten weil ich fast eingeschlafen bin. Ich stoppte immer wieder und benötigte dringend einen Kaffee aber bis Lima waren es noch ein paar Stunden. Dabei kann ich froh sein dass es trocken war, den diesen Sandboden bei Nässe zu befahren wäre ein Ding der unmöglichkeit. Von hinten schloss Steve Halligan aus NZL zu mir auf, er wirkte ziemlich frisch und war einiges schneller, es war seine dritte Tour und er gibt mir den Tip Vollgas zu fahren wenn die Verhältnisse gut sind, am Ende holte er sich den vierten Platz. In Lima angekommen gönnte ich mir ein üppiges Mittagessen und auf einmal wachte ich auf. Trockene Strassen, starker Rückenwind das waren doch die guten Verhältnisse und ich gab Vollgas, es war auch mein Terrain, kurze steile Steigungen die ich im Wiegetritt überwinde um dann den Schwung in die Abfahrt mitzunehmen. Ich hielt das Tempo bis in die Abendstunden durch und erreiche kurz vor 22.00 Big Springs wo ich in einer Tankstelle noch Futter einkaufen konnte. Es gab hier viele leerstehende Ferienhäuser und so schlich ich mich hinter ein Haus um auf sauberen Beton zu schlafen.

 

09.06.2016 bis 28.06.2016