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Tour Divide Teil 3

Tag 14:  Ich nahm mir vor über 2 Pässe zu fahren, zuerst den Carneropass um warm zu werden, und danach mit dem Indianapass das Dach der Tour, mit 3700m sehr hoch und mit der grössten Höhendifferenz von Tal bis Pass. Der Carneropass ist in einer Hochebene eingebunden, es ist  eine relativ trockene Landschaft und ein Vorbote auf New Mexico. Aber ich kam gut voran und am Nachmittag fuhr ich auf Del Norte zu, leider hat der Wind auf süd gedreht und blies mir mit 5 Windstärken gegen die Nase. Ausserdem war das Terrain sehr sandig und so quälte ich mich mit gefühlten 2 kmh vorwärts. Im tiefen Sand passierte mir auch mein erster und einziger Sturz der aber ziemlich harmlos war. Ich erreichte Del Norte erst gegen 16.00 wo ich meine Speicher wieder aufladen konnte. Um 18.00 machte ich mich auf dem Weg zum Dach der Tour, wie immer nach gutem essen kletterte ich relativ schnell den Berg hoch und erreichte um 23.00 die Passhöhe. Dort entschied ich mich noch bis Platoro zu fahren um dort zu übernachten da es mit 3000 m einiges tiefer liegt. Um 01.00 traf ich in Platoro ein und legte mich in den Schlafsack, es war meine kälteste Nacht -3 Grad liessen mich schlottern und ich fluchte wegen meiner verlorenen Daunenjacke.

Tag 15: Heute würde ich in New Mexiko eintreffen mein letzter Staat, aber New Mexiko war berüchtigt für seine schlechten Strassenverhältnisse, Hitze und Wind der übrigens bis zum Schluss stark gegen die Nase blies. Aber das war wohl nur gerecht, die erste Woche war neutral, in der zweiten profitierte ich von Rückenwind und in der dritten kam die Retourkutsche. Ausserdem war für diese Woche eine Hitzewelle angesagt so dass ich mich auf 40 Grad freuen konnte, was mir im nachhinein erstaunlich wenig ausmachte obwohl ich die ganze Zeit 2 paar Velohosen trug (um den Hintern zu schonen was bei mir gut funktionierte) und ich immer Knielinge trug. Die Passhöhen wurden langsam tiefer waren dafür immer mehr mit Steinen und tiefen Sand bestückt. Es war sehr schwieriges Gelände und ich kam überhaupt nicht voran, zuvor rechnete ich mir aus wie viele Tage ich wohl noch auf diesem beschissenen Sattel sitzen muss, diese Rechnung ging nicht mehr auf !! Zusätzlich spürte ich erstmals Schmerzen die sich von der Schulter richtung Nacken zogen und so rutschte ich mental in ein tief. Auf den Abfahrten musste ich alle 5 Minuten stoppen um den Nacken zu schütteln, ich fluchte über meine Dummheit mit rechnen angefangen zu haben. Kurz vor Sonnenuntergang erreichte ich den Carson National Forrest, leider war da ein grosses Plakat mit der Aufschrift Carson National Forrest wegen Waldbrand gesperrt !!
Was sollte ich tun ? Zum ersten mal auf dieser Tour schaltete ich mein Samsung ein um ins Netz zu gelangen, aber natürlich kein Empfang !! Das letzte Haus an dem ich vorbeikam lag zirka 60 km hinter mir und so entschied ich mich da kein Wind blies trotzdem durchzufahren. Ich roch zwar den Rauch aber ich war überzeugt das ich jederzeit mit dem Velo schnell umdrehen konnte. Ende National Forrest sah ich dann das Feuer, es war aber sicher 20 km von mir entfernt auf einem Berggipfel. Die Rennleitung sendete irgenwann per e-mail die Umfahrung des Brandgebietes durch, da ich mein Samsung nie einschaltete hatte ich keine neuesten Infos. Ausserdem wurde das einzige Restaurant in Platoro benachrichtigt das sie die Fahrer informieren. Da ich mich dort leider nur von 01.00 - 06.00 aufhielt konnte mich niemand benachrichtigen. Nachgerechnet habe ich mir so einen Vorteil von zirka einer halben Stunde erschlichen, dafür hatten die anderen eine zusätzliche Verpflegungsstation. Auf jeden Fall wurde auf eine Bestrafung (Disqualifikation) verzichtet. Um 22.30 erreichte ich Vallecitos wo ich vor dem Postoffice übernachtete, es war die bisher wärmste Nacht.

Tag 16: Heute musste ich den schwierigsten Pass von New Mexiko erklimmen, alle entgegenkommenden Backpacker hatten mich gewarnt und ich hatte Befürchtungen das sich meine Schmerzen noch verstärken könnten. Nach 3 Stunden Fahrt durfte ich zuvor in Abiquia noch ein ausgiebiges Frühstück geniessen bevor es richtung Pass ging, er war sehr sehr lang und sehr schwierig, aber ich war mental wieder auf der Höhe und ich musste auch runterwärts nicht mehr stoppen obwohl die Schmerzen noch da waren, was der Kopf alles ausmacht !! Nach dem Pass war ein ständiges auf und ab, es war sehr heiss und der Wind blies wie immer in die falsche Richtung, aber mein Tritt war gut und Abends um19.30 traf ich in Cuba ein.  Ich beschloss für einmal früher Feierabend zu machen um meinen Hals zu schonen und fit für die morgen sicher mörderische Alternativroute zu sein, da die normale einen anderen Weg geht. So studierte ich im Motel die Karte und bemerkte das die Alternativroute nur über Asphalt führte !! Was für ein Segen für meinen Hals, den die Schmerzen kamen meiner Meinung nach von den vielen Schlägen. Zum ersten mal schaltete ich auch mein Samsung ein um die Rangliste zu studieren nach hinten hatte ich einen grossen Vorsprung und nach vorne könnte ich mich vielleicht noch einen Platz verbessern wenn es optimal läuft. (Hintergrund warum die Racer die einfache Alternativroute fahren ist das Wetter in New Mexiko, normalerweise beginnt die Regensaison im Juli, dann werden die Offroadpisten unfahrbar und die langsameren Racer hätten einen grossen Nachteil. Das ist auch der Grund warum wir im Norden über zugeschneite Pässe fahren müssen, man könnte ja auch 2 Wochen später starten was ein grosser Unterschied ist).

Tag 17: Heute fuhr ich zirka 230 km nur auf Asphalt, leider war wie immer starker Gegenwind aber daran hatte ich mich gewöhnt. In Milan ass ich in einem Mexikanischen Restaurant fast zu scharf, denn mein Magen rumorte danach ein wenig. Sicherheitshalber kaufte ich für die nächsten 2 Tage Lebensmittel denn ich war nicht sicher wann ich in Pie Town ankommen würde. Pie Town "Kuchenstadt" der Ort wurde extra umbenannt wegen der leckeren Kuchen die es dort gibt und darauf freute ich mich und sah mich im Geiste schon eine Stunde lang Kuchen essen. Als ich aus Milan wegfahren wollte kam ein heftiges Gewitter mit starkem Regen und Wind sodass ich 1.5 Stunden wartete bis ich losfuhr. Der Wind blies immer noch stark und ich kam auch auf Asphalt nur langsam voran. 50 km vor Pie Town ging es wieder auf Sand der wegen dem Gewitter sehr tief war. 15 km vor Pie Town um 21.30 legte ich mich in einem Abbruchhaus hin da die Strasse immer matschiger und seifiger wurde und ich in der Dunkelheit nichts riskieren wollte.

Tag 18: Pie Town war eine einzige Enttäuschung ich traf um 07.00 ein aber es war alles geschlossen, erst um 09.00 würde ein Laden aufgehen, so lange wollte ich nicht warten, und machte mich auf den Weg. Nun war ich ein wenig knapp an Lebensmittel aber es wird schon reichen. Nach Pie Town liegt die nächste Ortschaft Silver City 275km entfernt, dazwischen befindet sich nur eine Workingstation wo man Wasser bekommt. Danach folgt der Gila National Park der unheimlich zerklüftet und  sehr viele steile schwierige Anstiege beinhaltet. Es war unheimlich heiss und alle paar Kilometer passierte ich eine Rinderranch. 18 Kilometer vor der Workingstation gab es einen lauten Knall, Diagnose der Mantel hat einen Riss seitlich über 4 cm Länge. Ich versuchte ein steifes Klebeplättchen das extra für solche Fälle gedacht ist anzukleben, aber während dem Montagevorgang zog ein Gewitter heran macht alles nass, natürlich klebt der erste Versuch nicht. Ausserdem bemerkte ich dass der Schlauch ein kleines Loch hat, das ich aber dank dem Regen ausfindig machen konnte. Ich habe noch einen Versuch dann ist Feierabend !! Und ich laufe mit grosser Wahrscheinlichkeit 150 Km zu Fuss !! Mit voller Konzentration und viel Ruhe gelang es mir schliesslich, aber wenn ich die Reparaturstelle so betrachtete hatte ich kein grosses Vertrauen darin. Immerhin bis zur Workingstation schaffte ich es, ich sprach 2 Feuerwehrmänner die am Abendessen waren an ob es hier eine Transportmöglickeit in eine Stadt gibt. Sie verneinten und erklärten das man mit dem Jeep 3.5 Stunden bis zur nächsten Asphaltstrasse benötigt und der Weg sei extrem rau und mit Steinen durchsetzt. Ich antwortete, na dann muss es halt so gehen und wenn ich Pech habe schiebe ich halt mein Rad. Sie schauten meinen Reifen skeptisch an und fragen ob ich den genügend zu essen dabei habe, es geht so antworte ich, und schon bekam ich einen Riesen Teller mit Reis, Bohnen und Hamburgern. Die Mahlzeit war ein Segen und so fuhr ich in die kommende Nacht hinein, ich radelte wie auf rohen Eiern, das Hinterrad immer entlastet und bergab so langsam wie möglich. Um 23.30 wurde mir das Risiko im dunkeln zu gross und  legte mich hin. Ich bestaunte den Sternenhimmel in einer der einsamsten Gegenden der USA ohne irgendwelche Lichtverschmutzung einfach genial so viele Sterne.

Tag 19: Ich schlief bis zum Sonnenaufgang da ich nur noch im hellen fahren wollte, alle 2 Stunden kontrollierte ich die Flickstelle und musste zusehen wie der Ballon vom Schlauch langsam grösser wurde darum liess immer mehr Luft ab. Kaum zu glauben ich schaffte es bis zur Asphaltstrasse, bis nach Silver City (Mechaniker) waren es noch zirka 50 km. Mein Problem war nur dass ich nach 5 Km Asphaltstrasse auf einen als technisch schwierig beschriebenen singletrail abbiegen musste, der erst 15 km vor Silver City wieder auf den Asphalt zurückführte. Ich beschloss es zu riskieren und fuhr los, die steinigen schwierigen Stellen ging ich alle zu Fuss es war extrem heiss und nervenaufreibend. Die letzten 4 Km vor der Asphaltstrasse wurden einfacher und es ging nur noch bergab, ich erhöhte das Tempo und schon gab es einen lauten Knall, nun war der Reifen definitiv hinüber. Nun 4 km das Velo schieben sind besser als 150 dachte ich, kaum an der wenig befahrenen Asphaltstrasse angekommen hatte ich richtig Glück. Ein amerikanischer Soldat nahm mich mit, fuhr mich vor den Veloladen. Der Mechaniker schickt mich zum Essen, als ich eine halbe Stunde später zurückkam war das Velo schon im Auto von Erika (Mechaniker) verstaut und Sie fuhr mich zum Ausgangspunkt zurück. Ich habe wirklich viele super nette tolle Leute kennengelernt. Keine 2.5 Stunden nach meinem entgültigen Reifenplatzer bin ich wieder on the Road. Von Silver City bis ins Ziel waren es noch 200 km, 2/3 davon auf Asphalt und ich zog nun voll durch. Nachts um 02.30 erreichte ich Antelope Wells ich hatte es geschafft !! 18 Tage lang habe ich alles gegeben um so schnell wie möglich zu sein, ich bin jeden Tag an meine Grenze gegangen, es war wirklich knallhart und endlich durfte ich ausschlafen !!!!

Epilog: Ich möchte nur noch erwähnen dass mein einziges Doping während dem Wettkampf amerikanischer Kaffee war und der ist bekanntlich nicht für seine Stärke berühmt. Ich habe keine einzige Tablette zu mir genommen und nur eine Salbe für den Hintern benutzt.  Wer sich für diese stark aufkommende Sportart Bikepacking interessiert, darf sich gerne bei mir melden, man muss ja nicht gleich das Divide fahren.


 

09.06.2017 bis 28.06.2017